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Herbert Fandel tritt ab Drucken E-Mail
Geschrieben von Axel Beckmann   
Montag, 8. Juni 2009

herbert-fandel_sehrkleinEin Jahr nach dem Rücktritt von Markus Merk verliert der deutsche Fußball ein weiteres Aushängeschild der Schiedsrichter-Szene. Herbert Fandel hat heute überraschend angekündigt, dass er seine aktive Karriere mit sofortiger Wirkung beendet. Er war, wie es die FAZ in ihrem Kommentar schreibt, jahrelang "die unumstrittene Nummer 2" unter den deutschen 'Schwarzkitteln'. Im Gegensatz zu seinem fast omnipräsenten rheinland-pfälzischen 'Landsmann' Merk war er kein großer Freund der Medien, stand aber auch nach kritischen Entscheidungen immer für einen selbstkritischen Rückblick zur Verfügung. Er dürfte wohl der bekannteste deutsche Konzertpianist gewesen sein.

Der 45jährige Fandel war seit 1993 im Profifußball aktiv und hat 1995 sein Debüt in der 1. Bundesliga gegeben.  247 Bundesliga-Spiele und 61 Zweitliga-Spiele standen unter seiner Leitung. 1998 wurde er zum FIFA-Schiedsrichter berufen und kam in 26-A-Länderspielen und 56 Europapokalspielen zum Einsatz. Seine beeindruckende Karriere wurde durch das UEFA-Cup-Finale 2006 und das Champions-League-Finale 2007 gekrönt. Im gleichen Jahr bekam er den Titel des Weltschiedsrichters verliehen. Nachdem ihm 2006 unverständlicherweise die Teilnahme an der WM im eigenen Land verwehrt wurde, kam er nach 2000 bei den Olympischen Spielen 2008 bei der Europa-Meisterschaft zu seinem 2. Einsatz bei einem großen Turnier.
In dem nachfolgenden Interview mit der Internet-Redaktion von dfb.de wird deutlich, dass es ihm genauso wie Markus Merk nach dessen Teilnahme bei der WM 2006 ging. Mit dem Gefühl alles erreicht zu haben, was man als Schiedsrichter erreichen kann, fällt das Aufhören gleich viel leichter. Im Gegensatz zu seinem pfälzischen Kameraden wird er allerdings dem Schiedsrichterwesen erhalten bleiben und sich aktiv im DFB-Schiedsrichter-Ausschuss um die Fortbildung der Top-Schiedsrichter kümmern.

Interview von Thomas Hackbarth (dfb.de)
Quelle:
http://www.dfb.de/index.php?id=500014&tx_dfbnews_pi1[showUid]=18573&tx_dfbnews_pi4[cat]=120

Frage: Herr Fandel, eine Ära geht zu Ende. Seit 1995 haben Sie in der Bundesliga insgesamt 247 Spiele geleitet, dazu 26 Länderspiele und 56 Europapokalspiele. 2007 haben Sie das Champions-League-Finale geleitet. Eigentlich könnten Sie noch zwei Jahre in der Bundesliga pfeifen. Dennoch hören Sie jetzt auf. Warum?

Herbert Fandel: Für mich war immer klar, dass ich dann aufhöre, wenn ich es selbst will. Es sollte ein Moment sein, in dem ich mit ausschließlich positiven Gedanken abschließen kann. Jetzt ist – nach einer langen Karriere – der richtige Zeitpunkt gekommen.

Frage: Was sind Ihre Beweggründe?

Fandel: Ein Leistungssportler braucht Ziele. Die habe ich in den vergangenen Jahren eingefahren: Champions-League-Endspiel, UEFA-Cup-Endspiel, zweimal das DFB-Pokalendspiel. Bereits nach der Europameisterschaft 2008 merkte ich, dass es anders war als vorher.

Frage: Wann war Ihnen definitiv klar, dass Schluss ist?

Fandel: Erst in den vergangenen Wochen wurde es ganz konkret. Vorher war da nur das Gefühl, dass ich meine großen Ziele erreicht hatte und damit eine neue Zeit anbricht. Dieses Gefühl kennt wohl jeder Leistungssportler.

Frage: Hat Sie die Fußverletzung ebenfalls zum Aufhören gebracht?

Fandel: Ich hatte diese Saison weniger Einsätze aufgrund der Entzündung an der Fußsohle. Die Pausen haben mir Zeit zum Nachdenken gegeben. Ich habe die Verletzung als Signal verstanden, aber das war nicht entscheidend für meinen Entschluss.

Frage: Sie haben mit Markus Merk für mehr als ein Jahrzehnt das Bild des Schiedsrichters in Deutschland geprägt. Nun werden Sie künftig im Schiedsrichter-Ausschuss mitarbeiten. Wer hat Sie dafür gewonnen?

Fandel: Volker Roth hat schon vor längerer Zeit in dieser Hinsicht mit mir gesprochen, aber auch DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger und Vizepräsident Dr. Rainer Koch haben sich gewünscht, dass ich meine Erfahrungen in den Schiedsrichter-Ausschuss einbringe. Dieses Vertrauen ehrt mich. Es gibt nun viele Möglichkeiten und Perspektiven in meinem Leben, aber ich werde jetzt nicht in Aktionismus verfallen. Nach dieser Karriere werde ich jetzt erstmal durchatmen.

Frage: Sie standen 30 Jahre als Schiedsrichter auf dem Platz, davon zwei Jahrzehnte im Profifußball. Erinnern Sie sich an ihr erstes Spiel überhaupt?

Fandel: Damals habe ich noch Jugendfußball gespielt. Mein erster Einsatz überhaupt war bei einem Spiel dieser Jugend der DJK Utscheid als kein geprüfter Schiedsrichter erschien. Ich erinnere mich noch, dass ich einen Handelfmeter für den Gegner gegeben habe, der das Spiel dann auch entschieden hat.

Frage: Ganz objektiv von Anfang an...

Fandel: Mit dem Willen, konsequent, geradlinig und berechenbar diese neue Aufgabe anzugehen.

Frage: Das erste Bundesliga-Spiel war...?

Fandel: VfB Stuttgart gegen Eintracht Frankfurt. Das war 1995. Für mich damals eine Bestätigung der vielen Arbeit, die man leisten muss als Schiedsrichter, um auf dieses Niveau zu gelangen. Das war ein sehr emotionaler Moment für mich.

Frage: Wo haben Sie in zwei Jahrzehnten Bundesliga am meisten dazugelernt?

Fandel: Ich habe mir zu jeder Phase meiner Laufbahn neue Ziele gesteckt und hatte das Gefühl, dass ich immer dazu lerne. Man muss selbstkritisch und authentisch bleiben. Gegenwind ist unvermeidlich, wenn man diesen Job konsequent und geradlinig betreibt.

Frage: Sie wurden von einem Zuschauer auf dem Feld angegriffen, während des Qualifikationsspiels Dänemark gegen Schweden 2007 war das. Gab es andere Vorfälle? Wie hält man die ständige Kritik über Jahrzehnte aus?

Fandel: An die Kritik der Öffentlichkeit muss man sich ja nicht von heute auf morgen gewöhnen. Als Schiedsrichter geht man einen langen Weg, um Kompetenzen und Sachverstand aufzubauen. Immer wieder wird man geschult, beobachtet und hinterfragt sich selbst. Erst wenn man wirklich Qualitäten mitbringt, steigt man als Schiedsrichter in die Bundesliga auf. Ganz ehrlich, am Ende hat mich dieser Druck überhaupt nicht mehr interessiert.

Frage: Haben Fans Sie auch mal gelobt?

Fandel: Die Mehrzahl der Reaktionen war positiv. Gerade hier in meiner Heimat, in der Eifel, waren die Menschen immer froh, dass einer von ihnen im Profifußball dabei ist. Aber den Respekt spüre ich in ganz Deutschland, egal wohin ich komme. Ein schönes Gefühl zum Abschluss meiner Karriere.

Frage: War die Leitung des Champions-League-Finales zwischen Mailand und Liverpool der Karrierehöhepunkt als Schiedsrichter?

Fandel: Davon hatte ich schon als Jugendlicher geträumt, einmal dieses Spiel zu leiten. Ich kann mich heute noch an nahezu jede Situation erinnern.

Frage: Sie wurden nicht für die WM 2006 im eigenen Land nominiert. Wie sehen Sie heute die damalige Entscheidung der FIFA, nur einen Schiedsrichter aus dem Gastgeberland zu nominieren?

Fandel: Im Laufe der Jahre habe ich begriffen, dass Entscheidungen auch sportpolitisch begründet sein können. Insofern habe ich die Auswahl akzeptiert. Diese sportpolitischen Kriterien hätte man seitens der FIFA früher und stärker betonen könne, dann wären auch keine falschen Hoffnungen geweckt worden. Aber Schwamm drüber...

Frage: Trotz der Fußverletzung haben Sie eine ganz starke Saison gepfiffen. Gab es in diesem Jahr oder auch davor einmal das komplette Spiel – den Moment, als sie nach 90 Minuten vom Platz gingen und dachten "Heute habe ich alles richtig gemacht"?

Fandel: Nein, so geht heute kein Bundesliga-Schiedsrichter mehr vom Platz. Sie können sich nie sicher sein, was nach einem Spiel noch seziert, kommentiert und ausgeleuchtet wird. Ich habe versucht, auf dem Teppich zu bleiben. Meine Bilanz eines Spiels ist längst nicht immer deckungsgleich mit dem öffentlichen oder medialen Echo.

Frage: Zeitlupen, Stoppbilder, graphische Verdeutlichungen – überzieht das Fernsehen bei dem Aufspüren noch so kleiner Fehlleistungen der Schiedsrichter?

Fandel: Das ist unumkehrbar. Mit einer emotionalen Aufbereitung erzielt man Einschaltquote. Eine sachliche und moderate Darstellung ist ‚out’ in unserer Gesellschaft. Das akzeptiert man oder man schmeißt hin. Der Job des Schiedsrichters ist dadurch nicht leichter geworden. Das tatsächliche Spiel und das vom Fernsehen produzierte Abbild des Spiels, mit all den Wiederholungen und Abseitslinien und Abstandskreisen, haben am Ende nur wenig miteinander zu tun.

Frage: Über welche Fehlentscheidung haben Sie sich am meisten geärgert?

Fandel: Immer über die vermeidbaren. Die meisten Fehler sind wirklich unumgänglich. Die DFB-Schiedsrichter sind heutzutage bestens ausgebildet. Ich erinnere mich an einen Platzverweis im Münchner Derby. Ich hatte ein schlechtes Stellungsspiel und stellte deshalb den Spieler Hasan Salihamidzic unberechtigt vom Platz. In den anschließenden Interviews räumte ich den Fehler ein, dennoch ärgerte ich mich darüber einige Tage. Letztendlich ticken Schiedsrichter wie jeder andere Mensch auch.

Frage: Wie sahen die Momente vor dem Spiel in der Kabine aus?

Fandel: Ich hatte nur ein Ritual: Einige Minuten vor dem Verlassen der Kabine wurde nicht mehr gesprochen.

Frage: Zum Abschluss kommen Sie noch mal ins Kino. Am 11. Juni läuft "Spielverderber" in den Kinos an. Empfehlenswert?

Fandel: Der Dokumentarfilm distanziert sich wohltuend von aller platten Kritik an den Schiedsrichtern. "Spielverderber" vermittelt eine sehr sachliche, moderate Sicht der Schiedsrichter, auch mit Humor und Augenzwinkern.

Frage: Verraten Sie uns zum Schluss: Wer übernimmt den Staffelstab? Wer sind heute die herausragenden Schiedsrichter in Deutschland?

Fandel:Klar ist, dass Wolfgang Stark und Florian Meyer jetzt ganz vorne an der Spitze rangieren. Die deutschen Schiedsrichter bilden insgesamt eine starke Mannschaft. Darunter sind auch viele junge Talente. Da haben Volker Roth und seine Kollegen vom Schiedsrichter-Ausschuss ganz hervorragende Arbeit geleistet.



 
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